„Seine größte Eigenart ist seine ‚Farblosigkeit‘.“ So beschreibt Masato Kato, Präsident von Bechstein Japan, den Klang von C. Bechstein, einem der drei großen Klavierhersteller der Welt. Im Resonanzraum zwischen Pianist und Umgebung entfaltet dieses Instrument unendliche Klangfarben und wird zu einem „Familienerbstück“, das über drei Generationen und ein Jahrhundert hinweg weitergegeben wird. Nicht das „Verkaufen“, sondern das „Vermitteln“ steht für ihn im Mittelpunkt. Was bildet den Kern von Katos Philosophie, wahren Wert zu vermitteln?

Profile

Vol.124  Masato Kato

Präsident und CEO, Bechstein Japan Co., Ltd.
Klavierbaumeister
Geboren 1962 in Tajimi, Präfektur Gifu, Japan. Nach seinem Abschluss im Fach Klavierstimmung am Kunitachi College of Music trat er in ein Unternehmen für Klavierwartung im Rundfunkbereich ein. Dort war er an der Stimmung von Klavieren in zahlreichen Einsatzbereichen beteiligt, darunter bei populären Fernsehsendungen sowie bei Konzerten im Nippon Budokan.
Angetrieben von dem starken Wunsch, „das Authentische zu erlernen“, ging er 1989 nach Deutschland und trat in die Taiyo Musikinstrumente GmbH ein. Nach einer Vorbereitungsausbildung für die Meisterprüfung im Stammwerk von C. Bechstein absolvierte er die Klavier-Meisterschule in Ludwigsburg und erwarb den deutschen Meistertitel im Klavierbau.
Nach seiner Rückkehr nach Japan im Jahr 1993 trat er in die Taiyo Music Japan (heute Bechstein Japan) ein. Er sammelte umfassende Erfahrung sowohl im technischen Bereich als auch im Vertrieb, war unter anderem als Executive Vice President und Leiter der technischen Abteilung tätig und übernahm schließlich – nach dreimaliger Anfrage – die Position des Präsidenten und CEO.
Er ist Mitglied der Japan Piano Tuners Association sowie des BDK (Bund Deutscher Klavierbauer). Als staatlich geprüfter Klavierstimmer erster Klasse engagiert er sich zudem intensiv in der Nachwuchsförderung, unter anderem als Dozent beim „Rudolf Meister Piano Camp“ im Koidego Cultural Hall (seit 1997) sowie als Mitdozent einer Lehrveranstaltung zum Thema „Die Entwicklung des Klaviers“ gemeinsam mit Matthias Fuchs am Kunitachi College of Music (2003).
Er ist Autor des Buches Die Welt des Klaviers – visuell erleben (2007, herausgegeben unter der Aufsicht von Tsutomu Nasuda).

Bechstein Centrum Tokyo

Steinway malt mit breitem Pinsel, Bechstein mit feinem

Ich werde oft gefragt: „Was macht den Klang von Bechstein aus?“ Ehrlich gesagt lässt sich das kaum in einem einzigen Satz beantworten. Denn der Klang verändert sich je nach Pianist ganz wesentlich. Jeder einzelne Ton ist fein nuanciert, und schon die kleinste Veränderung im Anschlag kann seinen Ausdruck stark beeinflussen. Wenn Steinway – ebenfalls einer der drei großen Klavierhersteller der Welt – mit breitem Pinsel dynamisch auf einer großen Leinwand malt, dann trägt Bechstein eher viele feine Farbschichten mit einem zarten Pinsel auf. Deshalb lässt sich kaum sagen: „So klingt Bechstein.“ Gerade darin liegt aber seine besondere Stärke: Die Individualität des Spielers spiegelt sich unmittelbar im Ton wider.

Eben wegen dieser Feinheit entsteht ein außergewöhnlich intensiver Dialog mit anderen Instrumenten wie Violine, Cello oder der menschlichen Stimme. In der Sprache der Farben könnte man sagen: Bechstein ist „farblos“. Der Klang drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern fügt sich seinem Gegenüber an – und bewahrt dabei zugleich seinen eigenen Charakter und seine eigene Präsenz. Deshalb verbindet er sich auch mit den feinsten Gesangsstimmen auf ganz natürliche Weise. Wer einen hellen Klang bevorzugt, kann ihn hell gestalten; wer einen dunkleren Ton sucht, kann ihn entsprechend formen. Die Fähigkeit, sich dem Spieler und dem Raum anzupassen und nahezu jede Klangfarbe anzunehmen – genau darin liegt die Stärke von Bechstein.

Ich erkläre das unseren Kunden oft so: Wenn Sie von einer vertrauten Person von hinten mit „Guten Morgen“ angesprochen werden, spüren Sie trotz derselben Worte sofort, ob sie gut gelaunt ist oder ob etwas anders ist. Große Pianisten tun mit Klang genau dasselbe. Dieselbe Melodie kann melancholisch klingen oder hell und beschwingt. Bechstein ist ein Klavier, das genau diese Ausdruckskraft ermöglicht.

Bechstein wurde im 19. Jahrhundert erstmals einem größeren Publikum bekannt, als Hans von Bülow, ein Schüler Franz Liszts, Liszts Klaviersonate auf einem Bechstein spielte. Von da an begann auch Liszt selbst, Bechstein zu schätzen, und der Ruf der Marke verbreitete sich weit über die Grenzen hinaus.

Damals war die Beziehung zwischen Klavierbauern und Pianisten noch sehr eng. Die Hersteller fragten direkt: „Wie möchten Sie spielen?“ „Was möchten Sie ausdrücken?“ Dann verfeinerten sie das Instrument, kehrten zum Pianisten zurück und fragten: „Wie ist es jetzt?“ – und arbeiteten das Feedback erneut ein. In einer solchen wechselseitigen Beziehung ist Bechstein gewachsen. Ich bin überzeugt, dass dieser „Dialog“ nicht nur im Klang des Instruments, sondern ebenso tief in seiner Geschichte verankert ist.

Ein Familienerbstück, das über ein Jahrhundert hinweg reift wie ein guter Wein

Bechstein baut Klaviere, die dafür geschaffen sind, über drei Generationen hinweg gespielt zu werden. Ihr wahrer Wert liegt in der Zeit, die man mit ihnen verbringen kann. Auf den ersten Blick mag der Preis hoch erscheinen. Betrachtet man ihn jedoch über einen Zeitraum von 100 Jahren, zeigt sich eine ganz andere Dimension von Wert.
Im Showroom des Bechstein Centrum Tokyo in Hibiya steht sogar ein Klavier aus dem Jahr 1912. Es wurde tatsächlich von Musikern jener Zeit gespielt und ist dank einer vollständigen Überholung im Werk bis heute voll spielbar. Der eiserne Rahmen und die Seitenwände sind original erhalten geblieben. Ersetzt wurde nur, was restauriert werden musste; alles andere, was bewahrt werden konnte, blieb erhalten. Das Holz selbst lebt weiter. Bei richtiger Pflege kann es über viele Jahrzehnte hinweg in hervorragendem Zustand bleiben. Tatsächlich kann der Klang – ganz wie bei einem guten Wein – nach zehn oder zwanzig Jahren sogar noch reicher werden als im Neuzustand. Man darf ein solches Instrument mit Recht als „kunsthandwerkliches Objekt mit Geschichte“ bezeichnen.

Auch das Design erzählt davon. Das Klavier von 1912 besitzt dekorative Details an den Beinansätzen, die an Säulen der griechischen Architektur erinnern – Spuren des neoklassizistischen Stils, der damals in Berlin beliebt war. Ein weiteres Detail ist die kleine geschwungene Ausbuchtung neben dem Notenpult, ein Relikt des früheren Kerzenhalters. Vor dem Zeitalter der Elektrizität mussten Kerzen so platziert werden, dass kein Schatten auf die Noten fiel. Gerade solche Details machen das Gewicht der Geschichte spürbar.

Moderne Konzertflügel für große Säle sind heute mit einem etwas brillanteren Klang konzipiert, damit ihr Ton auch die entferntesten Reihen eines Saals mit 2.000 Plätzen erreicht. Das Klavier von 1912 hingegen entfaltet seinen eigentlichen Reiz in intimen, salonartigen Räumen. Der grundlegende Klangcharakter bleibt derselbe, doch ein Instrument passend zu seinem Zweck und seinem Raum auszuwählen – auch das gehört zu jenem Reichtum, der Bechstein auszeichnet.

C. BECHSTEIN B Schwarz poliert, 1912
[Ausgewähltes Euro-Klavier – Gebraucht]

|Merkmale
Vollständig überholt durch Bechstein Renovation, die hauseigene Restaurierungsabteilung. Der Klang wurde originalgetreu in den Zustand zurückgeführt, in dem das Instrument einst ausgeliefert wurde. Ein seltenes Instrument, das die Klangwelt erlebbar macht, die einst auch Brahms und Debussy gehört haben.
|Preis
¥8.690.000 (inkl. MwSt.)
|Zustand
Gebraucht / Ausgestellt
|Standort
Bechstein Centrum Tokyo

Begeisterung bestimmt den Lebensweg

Wenn ich mich nicht für die Musik entschieden hätte, wäre ich vermutlich Architekt oder Bauingenieur geworden. Ich war immer eher naturwissenschaftlich orientiert und hatte Freude daran, Dinge zu erschaffen. Das Klavier war für mich eine ganz natürliche Verlängerung davon. Während viele meiner Mitschüler in der Oberstufe Medizin oder andere naturwissenschaftliche Fächer anstrebten, entschied ich mich für die Klavierstimmabteilung des Kunitachi College of Music. In einem Studienführer stieß ich zufällig auf die Worte „Klavierdesign“, und in diesem Moment sprang sofort etwas in mir an. Meine Eltern sagten: „Wenn du nicht bestehst, dann gib es auf.“ Zum Glück wurde ich aufgenommen.
Im Kern meiner Laufbahn stand immer die Begeisterung. Etwas hat mich tief berührt, und genau das hat in mir den Wunsch geweckt, es selbst zu tun. Nach meinem Abschluss trat ich in ein Unternehmen für Klavierwartung im Rundfunkbereich ein und verbrachte meine Tage damit, Klaviere für Fernsehsendungen und Konzerte im Nippon Budokan zu stimmen. Es war eine anregende Tätigkeit, doch mit der Zeit wuchs in mir der Wunsch, Konstruktion und Aufbau des Klaviers noch tiefer zu verstehen. Das führte schließlich zu meiner Entscheidung, nach Deutschland zu gehen und die Meisterqualifikation zu erwerben. Damals waren Ost- und Westdeutschland noch geteilt, und vieles Traditionelle war noch lebendig. Ich konnte dort unmittelbar spüren, wie tief die europäische Musikkultur im Alltag verwurzelt ist.

Nach meiner Rückkehr nach Japan trat ich in Bechstein Japan ein und sammelte Erfahrung sowohl in technischen als auch in vertrieblichen Bereichen. Selbst in den Bechstein-Geschäften in Deutschland stehen im Verkauf häufig Klaviertechniker oder Pianisten. Ohne ein tiefes Verständnis dafür, wie ein Klavier gebaut ist und wie sein Klang entsteht, lässt sich der wahre Wert eines solchen Instruments nicht vermitteln. Daran habe ich immer geglaubt.

Was die Position des Präsidenten betrifft, habe ich das Angebot tatsächlich zweimal abgelehnt. Als Techniker hatte ich Vertrauen in mich selbst, doch Unternehmensführung ist etwas ganz anderes. Nachdem ich jedoch immer wieder gefragt wurde, begann ich allmählich zu denken: „Wenn ich es nicht tue, wer dann?“ Beim dritten Mal habe ich schließlich zugesagt. Seitdem geht es mir nie darum, einfach nur zu „verkaufen“, sondern darum, zu „vermitteln“ – das war immer mein leitender Grundsatz.

Nicht „verkaufen“, sondern „vermitteln“
—Eine Herausforderung für die Zukunft

Worauf ich mich derzeit am stärksten konzentriere, ist die Entwicklung von Nachfolgern. Um Bechstein in die Zukunft zu tragen, reicht technisches Können allein nicht aus. Man muss auch das deutsche Handwerk und die Haltung verstehen, die dahintersteht. Warum wird ein Instrument auf diese Weise gebaut? Wer ist in der Lage, dieses Erbe wirklich zu begreifen und weiterzutragen? Menschen auszubilden, die all das übernehmen können – das ist heute, so glaube ich, meine wichtigste Aufgabe.

In letzter Zeit erhalten wir außerdem vermehrt Anfragen von Konzerthäusern in ganz Japan. Gleichzeitig ist es uns bislang noch nicht gelungen, die Faszination von Bechstein wirklich in vollem Umfang zu vermitteln. In Deutschland entfallen 30 bis 40 Prozent der Auslieferungen neuer Klaviere auf Bechstein, in Japan dagegen sind es nach wie vor nur rund 2 Prozent. Man kann das als Herausforderung sehen; für mich ist es vor allem ein Zeichen großen Potenzials. Es gibt noch viele Menschen, die den wahren Wert erkennen können. Bevor es jedoch darum geht, diese Lücke zahlenmäßig zu schließen, ist es mir wichtiger, die Zahl derjenigen zu erhöhen, die die Philosophie von Bechstein wirklich verstehen. Ich wünsche mir, Bechstein in diesem Land fest zu verankern – als eine Präsenz, die Japans Musikkultur mitträgt.

Dieses Interview, getragen von Sugiyamas positiver Energie, gab mir die Gelegenheit, noch einmal über Gedanken nachzudenken, die in mir bislang nicht vollständig geordnet waren, und über die Erfahrungen, die sie geprägt haben.
Ich empfinde es zugleich als große Ehre und mit einer gewissen Verlegenheit, auch nur in einem kleinen Rahmen unter Interviews mit so herausragenden Persönlichkeiten aufgenommen worden zu sein.
Beim Lesen des redigierten Manuskripts hatte ich das Gefühl, dass meine natürliche Ungeschicklichkeit ein wenig gemildert wurde und ich womöglich etwas geschliffener erscheine, als ich es in Wirklichkeit bin. Das verdanke ich ganz der positiven Perspektive Sugiyamas und der Kraft seiner Worte.
Die Begegnung mit dieser Haltung hat mich erneut an meine eigene Verantwortung erinnert, unseren Kunden durch Bechstein-Klaviere weiterhin positive Werte und Energie zu vermitteln.
Die Marke Bechstein eröffnet Musikern und Musikliebhabern seit langem bedeutsame Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks. Dafür, dass ihr Wesen so präzise erfasst und in Worte von bleibender Form gebracht wurde, spreche ich meinen tiefen Respekt und meine aufrichtige Dankbarkeit aus.

Bechstein Japan Co., Ltd.
Masato Kato, Präsident & CEO


Am meisten beeindruckt hat mich in diesem Interview der Mut zum Handeln, der am Ursprung von Herrn Katos Weg steht. Seine Entscheidung, mit seiner Familie nach Deutschland zu gehen, um dort noch tiefer zu lernen, war gewiss keine leichte. Dahinter müssen viele Herausforderungen und Härten gestanden haben – nicht zuletzt sprachliche und kulturelle Unterschiede. Und doch hatte ich das Gefühl, dass genau diese Erfahrung des ersten Schritts den Menschen geformt hat, der er heute ist.

Auch die Geschichte von Bechstein selbst hat mich tief berührt. Ich hatte die Gelegenheit, ein Klavier aus dem Jahr 1912 zu spielen, und sein Zustand war so außergewöhnlich, dass man kaum glauben konnte, dass es bereits mehr als 100 Jahre alt ist. Seine Resonanz wirkte beinahe wie die eines fabrikneuen Instruments. Als ich dann die Geschichte dahinter hörte und zugleich von dem handwerklichen Können erfuhr, das über Generationen von Technikern weitergegeben wurde, erschien mir sein Preis keineswegs hoch – wenn überhaupt, dann eher erstaunlich günstig.

Besonders eindrucksvoll war für mich die Haltung von Bechstein, jedem einzelnen Instrument mit größter Sorgfalt zu begegnen und seinen Klang auf den Spieler und den Raum hin auszurichten. In dieser Form individualisierter Handwerkskunst erkannte ich eine starke Nähe zu Rolls-Royce. Beides ist nicht einfach nur ein Produkt, sondern eine Präsenz, die das Leben und die Werte eines Menschen begleitet. Genau deshalb geht es nicht darum, bloß zu verkaufen, sondern darum, eine Geschichte zu vermitteln. Ich glaube, genau darin liegen das Wesen von Bechstein und der Kern von Herrn Katos unternehmerischer Philosophie. Heute ist Bechstein in eine Phase eingetreten, in der der Wert dieser in Deutschland gewachsenen Marke in Japan noch stärker verbreitet werden soll. Wahrer Wert wird immer erkannt. In der Zukunft, die jenseits dieser Herausforderung liegt, sehe ich große Hoffnung.

DK Sugiyama, Chefredakteur, My Philosophy


März 2026
Im Bechstein Centrum Tokyo
Interview & Redaktion: DK Sugiyama
Projektmanagerin: Chiho Ando
Text: Eri Shibata (stellvertretende Redakteurin, My Philosophy)
Fotografie: Hirona Goto
Produktion: My Philosophy® Redaktionsteam